Ein Jahr. (30.9.)

Ein Jahr ist es nun her, dass für mich eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Ein Jahr ist es her, dass mir der Boden unter der Füßen weggerissen worden ist und ich einen großen Teil meines Leben verloren habe, ohne den ich es mir nicht vorstellen könnte glücklich zu sein. Seit ich klein bin habe ich immer jede freie Minute in den Sport gesteckt und für Parkour, Downhill und Snowboarden eine solche Leidenschaft entwickelt, die mein Leben extrem erfüllt hat. Sport und Berge waren immer so ziemlich mein einziges Hobby, was ich aber so exzessiv gelebt hab, wie es auch nur irgendwie möglich war.

Ich habe oft genug gesagt, dass Verletzungen zum Sport dazu gehören, davor ist man einfach nie sicher. Gleichzeitig war für mich aber auch immer klar, dass ein Rollstuhl mich fesseln und mir genau diese Freiheit und Leidenschaft nehmen würde. Genauso war mir auch immer klar, dass mir so etwas auf keinen Fall passieren darf, damit könnte ich einfach nicht leben.

Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, an dem ich auf dem Boden zu mir gekommen bin mich wie in einen Sack geschnürrt gefühlt habe. Das Gefühl war so erdrückend und eindeutig, dass mir sofort klar war, dass eine meiner schlimmsten Ängste wahr geworden zu sein schien. Ich habe mir in diesem Moment nichts mehr gewünscht als zu sterben und diese Art von Leben nicht haben zu müssen. Diese Einstellung hat sich lange nicht geändert und wenn ich jetzt wieder in dieser Situation wäre und wählen könnte, würde ich wohl noch immer den leichteren Weg gehen.

Ich hab diese Wahl aber nie gehabt. Aus irgendeinem Grund bin ich noch hier. Zum Glück habe ich zu vielen Dingen so eine positive Einstellung und gemerkt, dass es für mich vielleicht auch einen anderen Lebensweg gibt, als den den ich für mich selber als ultimativ glückbringend empfunden habe. Glücklichsein besteht nicht darin laufen zu können, einen hübschen und durchtrainieren Körper zu haben oder sich einen Adrenalinkick nach dem anderen zu holen.

Glücklichsein besteht darin eine Leidenschaft für etwas zu haben und das muss sich definitiv nicht nur auf Sport beziehen. Genauso wie eine liebe Familie und Freunde , die einem bei allem unterstützen, einen Job bei dem man sich nicht jeden Tag ärgert hingehen zu müssen, sondern der einem (zumindest die meiste Zeit) wirklich Spaß macht und natürlich noch vieles mehr.

Naja und mal ganz abgesehen davon ist glücklich sein glaube ich auch eine Einstellungsfrage. Ich hab in diesem Jahr wirklich so extrem viel schlechte Dinge erlebt und eine wirklich harte Zeit gehabt. Gleichzeitig hab ich aber auch erlebt, wie viele Menschen hinter mir stehen , versuchen mir so viel es geht zu ermöglichen , was Eltern alles für ihre Kinder tun würden und mal abgesehen davon hab ich in diesem Jahr auch echt eine Menge Spaß gehabt und einen Haufen super lieber neuer Leute kennen gelernt. Schlechte Tage hat jeder Mensch, auch Fußgänger. Um schlechte Tage zu haben muss ich nun wirklich nicht im Rollstuhl sitzen. Im Moment häufen sich meine schlechten Tage vielleicht noch etwas mehr als bei anderen, aber auch das wird sich ändern und wenn ich mich immer mehr auf das Gute als auf das Negative konzentriere, dann mache ich mir keine Sorgen auch im Rollstuhl ein glückliches Leben haben zu können.

Um das herauszufinden habe ich nun hoffentlich noch viele viele gesunde Jahre Zeit und vielleicht kann ich ja an meinem nächsten Jahrestag schon sagen, dass wenn ich wieder an meinem Unfalltag zurückversetzt werden würde und die Wahl zwischen einem Leben im Rollstuhl oder keinem hätte, dass ich mich dann für das Leben im Rollstuhl entschieden würde.

Anlässlich dieses Tages möchte ich mich einmal mehr für die ganze Unterstützung (in welcher Form auch immer) während des vergangenen Jahres bedanken. Dieses Jahr hat so viele Höhen und Tiefen gehabt, wie kein anderes bisher. Ich habe so viel Unterstützung erhalten, für die ich unendlich dankbar bin und trotz allem auch sehr viel Spaß gehabt. Trotzdem ist dies ein Tag, an dem einmal mehr an mein altes Leben zurück denke und mich an all die schönen Tage und die lieben Leute in den ganzen Bikeparks erinnere. Egal was passiert und wie sich mein Leben nun weiter entwickelt, das Downhillfahren wird immer einen Platz in meinem Herzen behalten.

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One thought to “Ein Jahr. (30.9.)”

  1. Hallo Michi,

    ich wünsche dir auch weiterhin viel Stärke – ich bewundere deinen Optimismus und deine positive Einstellung!

    Viele Grüße und alles Gute gerade jetzt in dieser Zeit
    Daniel

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